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Das neue Gebet- und Gesangbuch GOTTESLOB
Interview mit Dr. Meinrad Walter


Ein gelungener Komprimiss

Quelle: Markus Hauck (POW) Freiburg.

Herr Dr. Walter, in diesem Jahr erscheint nach 38 Jahren ein neues Gotteslob. Sie haben das Projekt intensiv begleitet. Freuen Sie sich, dass es jetzt los geht?
Ja, das ist schon aufregend. So eine Änderung gibt es nur einmal in einer Generation und es ist ja erst das zweite Gotteslob, das je entstanden ist.

Unterscheidet sich das neue Gotteslob stark vom bisherigen?
Es gibt zwei große Änderungen: Die Form und die Auswahl der Lieder und Texte. Das Design wird zweifarbig sein. Überschriften, Deckblätter und Liednummern sind jetzt rot. Das sieht einfach ansprechender aus und man kann besser navigieren. Bei einigen Liedern wird es mehrere Strophen unter der Notenzeile geben. Das gab es bisher noch nicht, ist aber praktischer.
Das Wichtigste ist natürlich, dass es eine neue Auswahl an Liedern und Texten gibt. Dank der Erfahrungen mit dem alten Gotteslob konnten wir schauen, was gut funktioniert und was nicht. Insgesamt gibt es jetzt eine größere Vielfalt: Zum Beispiel mehr Kanongesänge, Mehrstimmiges und auch Neues Geistliches Lied. So können die einzelnen Gemeinden das singen, was zu ihnen passt. Kirchenchöre werden auch ein größeres Angebot an Chorsätzen finden. Wir hoffen, dass sich so die Verzahnung zwischen Chören und Gemeinden verbessert.
Einige der Texte wurden ebenfalls neu angeordnet und überarbeitet. Damit soll die Orientierung leichter werden, so dass das Gotteslob als Hausbuch verwendet werden kann – vor allem von Menschen, die mit den traditionellen Gebräuchen nicht so vertraut sind. Dafür gibt es ein Glossar zu religiösen Begriffen. Das neue Gotteslob ist also bunter, einfacher zu verwenden und bietet mehr Auswahl an Liedern und Liedformen.

Für jedes Bistum gibt es am Ende des Gotteslobes eine Einlage mit eigenen Liedern und Texten. Sie waren an der Entwicklung des Eigenteils für das Erzbistum Freiburg beteiligt. Mit wem haben Sie zusammengearbeitet?
Wir waren eine Gruppe von Kirchenmusikern mit je fünf Mitgliedern aus der Diözese Rottenburg-Stuttgart und fünf vom Erzbistum Freiburg. Der Eigenteil wird traditionell von den beiden Diözesen zusammen herausgegeben. Bis auf die Bistumsheiligen, das Vorwort des Bischofs und ein Bild sind sie gleich.

"Es war unglaublich spannend"

Welche Kriterien waren bei der Auswahl wichtig?
Es war gar nicht so leicht, eindeutige Kriterien aufzustellen. In der Wissenschaft stehen Lieder nicht so sehr im Mittelpunkt, sowohl bei den Musikwissenschaften als auch in der Theologie. Deshalb gab es nur wenige Anregungen zur Liederauswahl. Wir haben also einen eigenen Kriterienkatalog rund um diese Fragen entwickelt:
Was möchten wir aus dem alten Konstanzer Gesangbuch behalten? Wo gibt es Lücken, wie zum Beispiel Marienlieder oder Neues Geistliches Lied? Was hat sich in den Gemeinden etabliert? Möchten wir Lieder auffangen, die aus dem Stammteil genommen wurden?
Die Auswahl war natürlich nicht leicht. Am Ende war es oft nicht eine Entscheidung für oder gegen ein bestimmtes Lied, sondern ein Abwägen, was in den Gesamtkontext passt. Zum Beispiel gab es eine sehr große Auswahl an Adventsliedern von hoher Qualität. Bei den Marienliedern war es genau umgekehrt. Wir haben entschieden, dass die Gemeinden nur etwas von den schönen und beliebten Marienliedern haben, so dass wir ein bisschen mehr Raum für Adventslieder hatten. So wie in diesem Fall mussten wir sehr häufig abwägen. Das hat natürlich Zeit gebraucht, aber es war unglaublich spannend, so viele Kriterien unter einen Hut zu bringen.

Hat sich viel verändert im neuen Eigenteil?
Durchaus. Einige Lieder aus dem alten Eigenteil wurden in den neuen Stammteil übernommen. Wir hatten also Raum für Neues und für eine andere Organisation. So konnten wir ein Lied zum seligen Bernhard von Baden übernehmen, der in Freiburg ja eine wichtige Rolle spielt. Die Konstanzer Psalmen haben wir neu organisiert und ihnen eine klare Struktur gegeben. Die Gläubigen sehen so auf einen Blick, wie sie die Psalmen verwenden können. Wie im Stammteil haben wir einige etablierte Vertreter des Neuen Geistlichen Liedes und mehrstimmige Stücke übernommen.

Ist auch das Lied vom Papstbesuch dabei?
Darüber haben wir nachgedacht. Aber das Lied soll ja auch etwas Besonderes bleiben und war vor allem während des Besuchs wichtig. Deshalb ist es nicht dabei. Das Gleiche gilt übrigens auch für Lieder von Katholikentagen.

Unterscheidet sich der Freiburger Eigenteil stark von den Eigenteilen in anderen Bistümern?
Da gibt es viele Unterschiede. Der Eigenteil ist einer der längsten - mit über 300 Seiten. Viele Lieder sind stark in den Traditionen des Erzbistums verwurzelt und deshalb auch nur für die Menschen hier interessant. Eine Reihe von Liedern ist zum Beispiel noch aus dem Konstanzer Gesangbuch. Die lokalen Heiligen spielen eine Rolle. So unterscheidet sich der Freiburger Teil recht stark von anderen Eigenteilen. Der alte von 1975 gehört übrigens zu den wenigen, die in der Zwischenzeit nicht ersetzt wurden.

"Das kann zu sehr schönen Ergebnissen führen"

Wie glauben Sie, werden die Gemeinden das neue Gotteslob annehmen?
Im Alltag werden viele Gemeinden wohl bei den eingeübten traditionelleren Liedern bleiben. Die Verantwortlichen vor Ort haben aber die Möglichkeit, neue Lieder, wie etwa mehrstimmige Gesänge, mit der Gemeinde einzuüben. Das kann zu sehr schönen Ergebnissen führen. Es ist wichtig, dass die Gemeinden lernen mit dem neuen Gotteslob umzugehen, um sein volles Potenzial zu nutzen. Dort wo die Strukturen stimmen, funktioniert das auch.

Das neue Gotteslob wird zuweilen als "Großen Wurf" bezeichnet. Ist es das?
Das klingt so pathetisch. Es liegt aber wirklich ein guter Kompromiss vor. Das neue Gotteslob ist übersichtlicher und es hält mehr bereit: Vom klassischen Kirchlied bis zum Kanongesang. Natürlich kann nicht immer alles verwendet werden, aber das Buch ist schon eine gute Mischung. Ich finde es gelungen.

Vielen Dank für das Gespräch.
(tk)



Dr. Meinrad Walter ist Musikwissenschaftler und Theologe. Er leitet die Bibliothek und die Fortbildungen des Amts für Kirchenmusik in Freiburg und lehrt Theologie und Liturgik an der Musikhochschule Freiburg. Seit 2002 ist er Honorarprofessor für Theologie und Liturgiewissenschaft an der Katholischen Hochschule Freiburg. Er forscht interdisziplinär zu Musik und Theologie.

Das neue Gotteslob wird das Gesangbuch für alle katholischen Christen in den Bistümern Deutschlands, Österreichs und des Bistums Bozen-Brixen. Experten aus den Bereichen Liturgie, Kirchenmusik, Pastoral, Bibelexegese, Dogmatik und Spiritualität haben das Gesangbuch entwickelt. Es ist das zweite gesamtdeutsche Gotteslob und löst das alte Gotteslob am ersten Advent 2013 ab. Bis dahin werden ca. 3,6 Millionen Exemplare gedruckt. Verkauft wird das Gesangbuch voraussichtlich ab Herbst 2013. Die Ausgabe im Erzbistum Freiburg umfasst 1368 Seiten. Davon gehören 960 Seiten zum Stammteil. Die Standardausgabe kostet 19,95 Euro.


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