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Neues "Freiburger Orgelbuch" vorgestellt


Im Blick auf die Kirchenmusik kann die Erzdiözese Freiburg in diesem Jahr ein besonderes „Erntedankfest“ feiern: Anfang Oktober erschien in zwei Bänden und einer CD das neue „Freiburger Orgelbuch“, herausgegeben vom Amt für Kirchenmusik der Erzdiözese Freiburg im Carus Verlag Stuttgart. Dieses Werk mit Orgelmusik „für Gottesdienst und Unterricht“ wurde am 2./3. Oktober im Rahmen einer gut besuchten Tagung in der Katholischen Akademie Freiburg der Öffentlichkeit vorgestellt.


Freiburger Orgelbuch
„Ihre Nützlichkeit ist gering, ihre Schädlichkeit groß“ – diese Meinung vertrat im 19. Jahrhundert ein Pastoraltheologe, der sich offenbar mit dem Thema Orgel und Orgelmusik nur wenig anfreunden konnte. Und mit diesem pointierten Statement eröffnete Prof. Dr. Wolfgang Bretschneider seinen Vortrag auf der Tagung „Orgel und Verkündigung“. Diese Veranstaltung, vom Amt für Kirchenmusik und der Katholischen Akademie der Erzdiözese Freiburg organisiert, sollte nicht nur dazu dienen, das neue „Freiburger Orgelbuch“ vorzustellen, man wollte auch die Spannung zwischen Musik und Liturgie, zwischen „profan“ und „sakral“ sowie zwischen Interpreten und Hörern von Orgelmusik neu ausloten. Bretschneider machte dabei den Anfang und zeigte, wie sich die Orgel im Mittelalter allmählich ihren Platz in der Liturgie erobert hat, indem sie allmählich die Vokalmusik ergänzte und teilweise sogar verdrängte. Aber: „Wie es Bilderstürmer gab, so gab es auch Orgelstürmer“ – nicht nur im Zeitalter der Reformation und, abgeschwächt, in der Aufklärung. Noch Karl Barth meinte, die Orgel sei wohl eher dämonisch als heilig. Der Bonner Gelehrte – Bretschneider ist Musikwissenschaftler, Organist und Theologe – wies auch auf die ideologische Vereinnahmung des Instruments durch die Nationalsozialisten hin. So wurde behauptet, die Orgel sei ein „Symbol für die Volksgemeinschaft“ – ein Gemeinplatz, der sich allerdings unter anderen Vorzeichen auch in christlichen Predigten findet.


Musiker als Mitspieler und „Konzelebranten“ der Liturgie
Kennzeichnend für Bretschneiders Vortragsstil waren nicht nur seine Lebendigkeit und die Farbigkeit der Formulierungen, sondern auch seine Fähigkeit zur Selbstkritik und zur Reflexion. So fragte er, ob die erneuerte Liturgie nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil überhaupt noch dieses „Kolossalinstruments“ bedürfe. Und Bretschneider führte die Position des Komponisten und Dirigenten Hans Zender an, der die Orgel als „Teil des abendländischen Museeums“ betrachtet. Sie sei, seit über hundert Jahren übrigens, nur noch „sakrale Fassade“ und vermittle nur noch das Klischee von geistlicher Musik – und damit den größten Feind des Geistigen und Geistlichen überhaupt. Bretschneider bekannte sich auch zur „Weltlichkeit“ des Instruments, die freilich etwas anderes meine, als vierhändig Walzer und Polkas aufzuführen. Vielmehr müsse das menschliche Leben, „so wie Menschen wirklich sind“, in die liturgische Orgelmusik hineingenommen werden – bis zur „Wildheit der Ekstase“. Seine Thesen zu „Orgel und Verkündigung“ erfuhren ihren Höhepunkt in der Forderung, die Organistinnen und Organisten müssten echte „Mitspieler“ der Liturgie sein: „Kon-zelebranten“ im eigentlichen Wortsinne.
Auf den Hauptvortrag von Professor Bretschneider folgten verschiedene Statements, so von dem Freiburger Domkapitular Dr. Klaus Stadel und dem Komponisten Prof. Otfried Büsing. Letzerer stellte – sprachlich brillant, inhaltlich virtuos – einen Dreischritt her und führte die Zuhörer von der „Provokation: Hammer oder Holzbein“ über eine „Konjunktion: Warum der Heilige Geist die Orgel fand?“ zur „Inspiration“. Büsing hob darauf ab, daß das Instrument als „organon“ ein Werkzeug („Hammer“) sei und eben keine Prothese („Holzbein“), wie einst der Komponist György Ligeti meinte. Der Heilige Geist habe sie gefunden, weil sie eine Analogie zu den Eigenschaften Gottes herstelle: Ihr Tonumfang sei der denkbar größte, die Dauer ihres Klangs gleichsam ewig und der Orgel hafte, wie dem Göttlichen, etwas Unerklärliches, Fremdes an.

von links nach rechts:
Prof. Dr. Wolfgang Bretschneider
Domkapitular Dr. Klaus Stadel
DKMD Wilm Geismann
Prof. Otfried Büsing
Akademiedirektor Thomas Herkert


Brücken schlagen zwischen weltlich und geistlich
Diözesankirchenmusikdirektor Wilm Geismann, als Leiter des Amtes für Kirchenmusik der Hauptverantwortliche für die Herausgabe des neuen „Freiburger Orgelbuchs“, nahm die von Bretschneider und Büsing genannten Aspekte auf: „Die Orgel kann Brücken zwischen Sakralem und Säkularen bauen“, meinte Geismann. Ausdrücklich plädierte er für ein „crossover“ zwischen weltlich und geistlich – als ästhetisches und religiöses Angebot für diejenigen Menschen, die nicht oder nicht mehr den christlichen Glauben und seine Realisierungen in Kult und Leben teilen.
Überhaupt zeigte sich bei dieser Tagung, dass die Elemente „geistig“, „geistlich“ und „ästhetisch“ nicht voneinander zu trennen sind. Glaubwürdig im strikten Sinne ist Verkündigung nur, wenn sie den ganzen Menschen erreicht und all seine Sinne anspricht. Dabei ist die Musik nicht nur ein „Mittel“, das katechetisch gebraucht und gelegentlich missbraucht wird, sondern selbst ein „Symbol“. „Auf der Orgel interpretiert sich das Absolute selbst“, meinte der rumänisch-französische Philosoph Emile Michel Cioran. Eine Ahnung davon erhielten die Tagungsteilnehmerinnen und -teilnehmer bei dem abendlichen Orgelkonzert im Freiburger Münster, das von den Bezirkskantoren Thomas Berning, Matthias Degott, Georg Koch, Mathias Kohlmann und Michael Meuser gestaltet wurde. Hier fügte sich Raum und Klang zu einer Einheit, die tatsächlich geeignet ist, Menschen in einem „absoluten“ Sinne anzusprechen: sinnlich und spirituell untrennbar miteinander verbunden.
Die von Thomas Herkert (Katholische Akademie Freiburg) und Dr. Meinrad Walter (Amt für Kirchenmusik) geleitete Tagung ging zu Ende mit der Vorstellung des Freiburger Orgelbuchs sowie der Begleit-CD und einer Eucharistiefeier in der Freiburger Kirche St. Johann am Erntedankfest – natürlich mit Orgelmusik aus dem neuen Werk.

Michael Meuser, Tauberbischofsheim

Bezirkskantor Michael Meuser,
Tauberbischofsheim


Inhalt und Bestellmöglichkeit
Was bietet nun das neue „Freiburger Orgelbuch“? Der Hauptband mit seinen über 200 Seiten Umfang ist eine Fundgrube von Werken aus allen Epochen der Orgelkunst im leichten bis mittleren Schwierigkeitsgrad. Er bietet den nebenberuflichen Organistinnen und Organisten viele sonst kaum zugängliche Orgelstücke, die das liturgische Repertoire jedes Kirchenmusikers bereichern. Ein zweiter Band enthält Intonationen zu den gebräuchlichen Halleluja-Rufen und Begleitmusik zur Evangelienprozession. Damit soll der Ruf zur Begrüßung des Evangeliums aufgewertet werden. Namhafte Komponisten wie Peter Planyavsky, Willibald Bezler und Wolfgang Seifen haben sich mit neuen Werken daran beteiligt. Die CD zum „Freiburger Orgelbuch“ enthält Stücke aus Band 1, interpretiert von Bezirkskantoren der Erzdiözese Freiburg: Thomas Berning, Matthias Degott, Georg Koch, Mathias Kohlmann und Michael Meuser, der auch die Arbeitsgruppe zur Vorbereitung dieses Gesamtprojekts geleitet hat. Zugleich dokumentiert diese CD Aspekte des orgelbaulichen Schaffens in der Erzdiözese. Zu hören sind – mit Werken von Felix Mendelssohn Bartholdy, Johann Pachelbel, Louis Vierne, Jehan Alain, Jürgen Essl u. a. – die Orgeln in Neustadt / Schwarzwald (Münster), Villingen (St. Ursula und Benediktinerkirche), Neuhausen / Enzkreis und Tauberbischofsheim (St. Martin). Erhältlich ist das „Freiburger Orgelbuch“ im Musikalien-Fachhandel oder direkt beim Carus-Verlag, Sielminger Straße 51, 70771 Leinfelden-Echterdingen (www.carus-verlag.com).


Michael Fischer



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